Newsletter · September 2026

Wenn im Herbst die Tage kürzer werden, sinkt der Ertrag der PV-Anlage auf dem Dach. Ein Blick auf das Dashboard der Anlage zeigt: Jetzt kommt die teure Jahreszeit. Diese Gesetzmäßigkeit könnte schon bald der Vergangenheit angehören, denn die Entwicklung der PV-Technik schreitet rasant voran.

Forscher arbeiten an neuen Materialien, tüfteln an effizienter Zelltechnologie und experimentieren mit Farben und Strukturen, die in naher Zukunft völlig neue Einsatzbereiche erlauben werden. Auch in Regionen mit restriktiver Ortsgestaltungssatzung.



Photovoltaik verändert ihr Gesicht. Lange war sie vor allem eines: eine technische Anlage, die nachträglich auf ein Dach montiert wurde. Möglichst schwarz, möglichst effizient, möglichst günstig. Das bleibt wichtig. Aber inzwischen kommt etwas Neues dazu: Photovoltaik wird zum Baustoff.

Module werden größer, effizienter und flexibler. Sie produzieren Strom auf Vorder- und Rückseite, lassen sich in Fassaden integrieren und können inzwischen sogar wie Holz, Stein, Putz oder Ziegel aussehen. Das eröffnet insbesondere für Architektur und Immobilien neue Möglichkeiten.

Der PV-Markt bleibt groß, verändert sich aber

Deutschland verfügte Ende 2025 über rund 117 Gigawatt installierte Photovoltaikleistung. Allein 2025 kamen etwa 16,4 Gigawatt hinzu. Auch 2026 bleibt der Ausbau auf hohem Niveau: Bis Juli dieses Jahres wurden bereits rund 9,6 Gigawatt neu installiert. Gleichzeitig verschiebt sich der Markt stärker in Richtung großer Freiflächenanlagen.

Für Gebäude stellt sich deshalb zunehmend eine andere Frage: Wo können neben dem Dach weitere Flächen sinnvoll für die Energieerzeugung genutzt werden? Und damit rückt die Fassade stärker in den Fokus. Technisch hat sich bei Photovoltaik in den vergangenen Jahren enorm viel getan.

Mehr als schwarze Rechtecke

Moderne N-Type-Zellen wie TOPCon oder HJT verdrängen zunehmend ältere Zelltechnologien. Sie erreichen höhere Wirkungsgrade und altern langsamer. Bifaziale Module produzieren nicht nur über ihre Vorderseite Strom, sondern nutzen auch Licht, das auf ihre Rückseite reflektiert wird.

Und mit Perowskit-Silizium-Tandemzellen werden im Labor bereits Wirkungsgrade von deutlich über 35 Prozent erreicht. Für den breiten Gebäudeeinsatz ist diese Technologie zwar noch nicht bereit – sie zeigt aber, welches Entwicklungspotenzial weiterhin in der Photovoltaik steckt. Mindestens genauso entscheidend ist eine zweite Entwicklung: Das Solarmodul wird gestalterisch immer vielseitiger. Und das eröffnet neue, aufregende Möglichkeiten.

Eine Fassade kann heute gleichzeitig Gebäudehülle und Kraftwerk sein

Bei der bauwerkintegrierten Photovoltaik BIPV wird Photovoltaik nicht zusätzlich auf ein Gebäude gesetzt. Das PV-Element übernimmt selbst eine Funktion der Gebäudehülle. Möglich sind beispielsweise Fassadenplatten, Glasflächen, Brüstungen, Balkongeländer, Vordächer oder Sonnenschutzlamellen.

Auch PV-Dachziegel und kleinteilige Module für architektonisch sensible Gebäude sind inzwischen verfügbar. Das Entscheidende an der Entwicklung: Photovoltaik muss nicht mehr zwangsläufig aussehen wie Photovoltaik.

Module können unterschiedliche Formate, Strukturen und Farben bekommen. Zellstrukturen lassen sich weitgehend unsichtbar produzieren und so nahezu vollständig kaschieren. Dekore können sogar Materialien wie Holz, Naturstein, Putz oder Ziegel imitieren. Aus einer technischen Anlage wird damit ein Gestaltungselement.

Und plötzlich gibt es Photovoltaik in Terrakotta

Besonders spannend ist die Entwicklung farbiger Solarmodule. Möglich sind heute schon unter anderem Schwarz, Anthrazit, Grau und Silber. Aber ebenso Terrakotta, Ziegelrot, Grün, Blau, Bronze oder Gold. Damit ergeben sich ganz neue architektonische Möglichkeiten. Eine der interessantesten Technologien stammt vom Fraunhofer ISE: MorphoColor.

Dabei wird nicht einfach eine farbige Schicht auf ein Solarmodul gedruckt, die einen großen Teil des Sonnenlichts schluckt. Stattdessen reflektiert eine spezielle photonische Oberfläche gezielt nur den Spektralbereich, der für den jeweiligen Farbeindruck benötigt wird. Der größte Teil des Sonnenlichts erreicht weiterhin die Solarzelle. Das Ergebnis: Farbige Module können etwa 90 bis 95 Prozent des Ertrags eines vergleichbaren schwarzen Moduls erreichen.

Die fünf wichtigsten Veränderungen auf einen Blick

  1. 1.Photovoltaik wird vom technischen Zusatz zum Baustoff BIPV integriert Energieerzeugung direkt in Fassaden, Brüstungen, Dächer oder Sonnenschutzelemente.
  2. 2.Photovoltaik muss nicht mehr wie Photovoltaik aussehen Farbige, strukturierte und bedruckte Module können sich an Putz, Holz, Stein oder Ziegel anpassen und werden damit architektonisch deutlich flexibler.
  3. 3.Die Fassade wird energetisch relevanter Sie ersetzt das Dach nicht, kann aber Erzeugungsprofile sinnvoll ergänzen – etwa im Winter oder in den Morgen- und Abendstunden.
  4. 4.Entscheidend ist nicht mehr nur der Modulwirkungsgrad Der eigentliche Mehrwert entsteht im Zusammenspiel von PV, Speicher, Wärmepumpe, Ladeinfrastruktur, Tarifen und Energiemanagement.
  5. 5.Die zentrale Kennzahl verschiebt sich Statt nur auf Kosten pro Kilowattpeak zu schauen, wird der Gesamtnutzen pro Quadratmeter Gebäudehülle wichtiger: Energieertrag, ersetztes Baumaterial, Gestaltung, Wartung und Lebensdauer.

Im April 2026 hat das Fraunhofer ISE die Technologie auf der Messe Intersolar noch einen Schritt weitergedacht. Mit dem neuen Verfahren "ShadeCut" wird die MorphoColor-Beschichtung auf hochpräzise Folien übertragen, in die komplexe Muster (z. B. die Textur von Schiefer oder Dachziegeln) geschnitten werden. Damit verschwinden Solaranlagen optisch komplett auf dem Dach.

Auch neue Verfahren mit strukturierten Folien und transparenten Aussparungen sind interessant. Sie ermöglichen beispielsweise realistische Ziegel- oder Fassadenmuster, während ausreichend Licht auf die darunterliegenden Solarzellen trifft.

Gerade Fassaden können im Winter interessant werden

Natürlich bleibt das Dach für Photovoltaik meistens die erste Wahl. Gut ausgerichtete schwarze Standardmodule bieten dort in der Regel das beste Verhältnis aus Kosten und Ertrag. Doch Fassaden haben andere Stärken. Vertikale Flächen produzieren über das Jahr zwar meist weniger Strom pro Quadratmeter als optimal geneigte Dachanlagen. Ihre Erzeugung verteilt sich jedoch anders.

Gerade im Winter kann das interessant sein: Die tief stehende Sonne trifft senkrechte Flächen vergleichsweise günstig. Gleichzeitig können Dachanlagen stärker unter flachem Einstrahlwinkel oder Schnee leiden. Ost- und Westfassaden können außerdem die Stromproduktion stärker in die Morgen- und Abendstunden verschieben. Damit wird die Fassade nicht unbedingt zum Ersatz für das Dach – sondern zu seiner energetischen Ergänzung.

Aus Photovoltaik wird Gebäudetechnik

Parallel verändert sich auch die wirtschaftliche Betrachtung. Die entscheidende Frage lautet immer seltener: Was kostet ein Solarmodul pro kWp? Wichtiger wird das Gesamtsystem. Photovoltaik, Batteriespeicher, Energiemanagement, Heizung, Ladeinfrastruktur und flexible Stromtarife wachsen technisch immer stärker zusammen.

Bei integrierter Fassaden-PV kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Ein PV-Element erzeugt nicht nur Strom, sondern kann gleichzeitig ein konventionelles Fassadenmaterial ersetzen. Damit verändert sich auch die Rechnung. Entscheidend ist nicht mehr allein der Preis der Photovoltaik, sondern der Gesamtnutzen eines Quadratmeters Gebäudehülle.

  • Wie viel Energie erzeugt er?
  • Welche Bauteile ersetzt er?
  • Wie fügt er sich in die Architektur ein?
  • Wie langlebig und wartbar ist er?

Drei Wege für neue Gebäude

Für Planer, Bauherren und Projektentwickler zeichnen sich heute im Wesentlichen drei Strategien ab:

  1. Maximaler Ertrag:
    Schwarze Standardmodule auf dem Dach, ergänzt durch dunkle PV-Elemente auf geeigneten Fassadenflächen.
  2. Architektonische Integration:
    Farbige Glasmodule beispielsweise in Grau, Terrakotta, Grün oder Bronze, abgestimmt auf Materialien und Fassadenkonzept.
  3. Nahezu unsichtbare Photovoltaik:
    Bedruckte oder strukturierte Module, die Ziegel, Naturstein, Holz oder andere Fassadenoberflächen optisch fortführen.

Was vor wenigen Jahren noch wie eine Speziallösung wirkte, entwickelt sich gerade Schritt für Schritt zu einem neuen Werkzeug für Architektur und Energiekonzepte. Denn die spannendste Entwicklung bei Photovoltaik ist vielleicht gar nicht der nächste Wirkungsgradrekord.

Sondern dass wir sie künftig an Gebäuden möglicherweise gar nicht mehr als Photovoltaik erkennen werden.

All-Electric Buildings. Ihre Vision ist unsere Mission.

Uli John-Ertle — Co-Founder